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Reisen mit Stil: Im Polestar 3 von Nordhessen nach Südtirol – und zurück

Wenn man sich mit einem über zwei Tonnen schweren Elektro-SUV auf eine Reise quer durch Deutschland und über die Alpen nach Südtirol begibt, geht es um mehr als nur Reichweitenangaben, Normverbräuche oder Ladezeiten. Solche Werte mögen auf dem Papier beeindrucken, im echten Leben entscheiden aber ganz andere Qualitäten darüber, ob ein Fahrzeug wirklich begeistert – oder unterwegs zur Belastung wird. Wir wollten es wissen und sind den Polestar 3 mit Performance-Paket auf einer mehrtägigen Langstreckentour von Nordhessen bis nach Südtirol und zurück gefahren. Ein echtes Alltags- und Komfortexperiment, das uns nicht nur durch Tunnel und Täler, sondern auch durch Erwartungen und Erfahrungen geführt hat.

Schon bei der Übergabe des Fahrzeugs fällt auf: Die angezeigte Restreichweite von nur rund 400 Kilometern erscheint auf den ersten Blick mager – vor allem für ein Fahrzeug, das laut Polestar mit einem 111-kWh-Akku ausgestattet ist. Doch die Erklärung liegt schnell auf der Hand: Offenbar wurde der Wagen zuvor eher sportlich bewegt. Wir gehen es entspannter an – und siehe da, am Ende der Testphase liegt die prognostizierte Reichweite bei über 520 Kilometern. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, wie stark das Fahrerprofil Einfluss auf die Effizienz hat. Wer vorausschauend fährt, die Rekuperation nutzt und Tempolimits nicht als Schikane begreift, kann mit dem Polestar 3 durchaus weit kommen.

Der Polestar 3 überzeugt auc in den Alpem mit leisem Fahrkomfort, hochwertiger Ausstattung, realistischer Reichweite und sehr solider Schnellladeleistung. Foto: ingenieurmagazin.com
Der Polestar 3 überzeugt auc in den Alpem mit leisem Fahrkomfort, hochwertiger Ausstattung, realistischer Reichweite und sehr solider Schnellladeleistung. Foto: ingenieurmagazin.com

Der Weg in den Süden führt uns durch unterschiedliche Fahrprofile: Stau bei Frankfurt, freie Bahn in Bayern, enge Pässe rund um den Brenner, Tunnel, Höhenmeter und schließlich die weiten Blicke Südtirols. In diesen Etappen zeigt sich, was den Polestar 3 im Kern ausmacht: ein Fahrzeug, das sich nicht über Sportlichkeit definiert, sondern über Komfort – und das auf eine angenehm unaufgeregte Weise. Die 517 PS, die im Performance-Paket zur Verfügung stehen, sorgen zwar für souveräne Beschleunigung, werden im Alltag aber kaum ausgereizt. Der Polestar will nicht dominieren, sondern begleiten – kraftvoll, aber zurückhaltend.

Das Innere des Fahrzeugs unterstreicht diesen Anspruch. Die Verarbeitung wirkt durchweg hochwertig, Materialien wie Nappa-Leder, Echtholz und metallische Akzente schaffen ein stimmiges Gesamtbild, das Ruhe ausstrahlt. Besonders eindrucksvoll: die Massagesitze, die uns über viele hundert Kilometer hinweg eine nahezu therapeutische Begleitung bieten. Es fühlt sich nicht nach Show an, sondern nach echter Entlastung. Wer einmal stundenlang auf diesen Sitzen gesessen hat, wird sie nicht mehr missen wollen. Auch das transparente Panoramadach trägt zur Großzügigkeit des Innenraums bei – zumindest für die Fondpassagiere. Aus Fahrerperspektive bleibt der Ausblick durch das Dach eher theoretischer Natur.

Doch es gibt auch Schwächen. Das Schlüsselsystem wirkt wie ein Relikt aus der Prototypenphase: Eine Karte und ein elektronischer Schlüssel, der in der Mittelkonsole geladen werden muss – das ist umständlich und nicht intuitiv. Auch die Steuerung über das zentrale Tablet bringt zwar visuelle Klarheit, aber nicht immer ergonomischen Nutzen. Im Tunnel plötzlich beschlagene Scheiben, aber kein sofort auffindbarer Entfroster – das sind Momente, in denen man sich einen klassischen Schalter wünscht. Der flache, schlecht erkennbare Folienschalter im Dachhimmel ist kein Ersatz für Bedienbarkeit im Blindflug.

Fahrdynamisch zeigt sich der Polestar 3 von einer sehr ausgewogenen Seite. Die Luftfederung gleicht Unebenheiten souverän aus, ohne schwammig zu wirken. Man schwebt nicht, man gleitet. Das Fahrzeug vermittelt Stabilität, selbst bei höherem Tempo auf der Autobahn oder auf engen Serpentinen. Die Lenkung ist direkt genug, um auch kurvigere Abschnitte mit Freude zu fahren – wenngleich das hohe Gewicht von über 2,5 Tonnen nie ganz zu ignorieren ist. Beim Bremsen und bei schnellen Lastwechseln erinnert der Polestar dann doch daran, dass Masse auch ihre physikalischen Grenzen kennt.

Beim Laden zeigt sich ein differenziertes Bild: Mit maximal 140 kW Ladeleistung, die wir unterwegs real erreichen, sind kurze Pausen an Schnellladesäulen möglich – aber keine absoluten Rekordzeiten. Zwar gibt Polestar bis zu 250 kW DC-Ladeleistung an, doch in der Praxis ist das stark abhängig von Akkutemperatur, Ladesäule und Ladestand. Von zehn auf achtzig Prozent vergehen etwa dreißig Minuten – solide, aber nicht spektakulär. Das AC-Laden zu Hause mit elf Kilowatt benötigt hingegen Geduld: Eine Vollladung dauert über Nacht. Ein 22-kW-Onboard-Lader wäre in dieser Fahrzeugklasse wünschenswert gewesen.

Was den Polestar 3 jedoch von vielen seiner Wettbewerber abhebt, ist die Art, wie er Langstrecke inszeniert. Man fühlt sich aufgehoben, nicht überfordert. Das Fahrgeräusch bleibt dezent, das Soundsystem von Bowers & Wilkins liefert echten Raumklang, Assistenzsysteme greifen unaufdringlich, aber verlässlich ein. Spurwechsel auf Wunsch, Tempomat, Spurführung – alles funktioniert, ohne dabei zu nerven oder bevormunden zu wollen.

Der Kofferraum bietet mit 484 Litern zwar keine Raumwunder, ist aber gut nutzbar. Der doppelte Ladeboden hilft beim Verstauen, die Absenkung durch das Luftfahrwerk erleichtert das Beladen. Für eine Familie mit Urlaubsgepäck reicht es – üppiger dürfte es trotzdem sein. Vor allem dann, wenn man große Sportgeräte oder sperriges Equipment mitnehmen möchte.

Bleibt unterm Strich ein sehr rundes Bild – mit ein paar Ecken, die nicht stören, aber auffallen. Der Polestar 3 ist kein Effizienz-Wunder, will es auch gar nicht sein. Wer ein Fahrzeug sucht, das sich durch sehr niedrige Verbräuche und maximale Ladekurven definiert, wird hier nicht fündig. Aber wer reisen will, komfortabel, souverän, mit einem Hauch von Understatement und echter Qualität, der bekommt ein Auto, das vieles richtig macht – und wenig falsch.