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Das Bauen im Bestand erlebt eine Renaissance

Um die aktuellen Klimaziele zu erreichen, müssen die CO2– Emissionen, die im Betrieb entstehen, bis 2030 mehr als halbiert werden. Branchenfokus sollte dabei auf dem unausgeschöpften Potenzial der Gebäude liegen, die vor der Jahrtausendwende gebaut wurden. Allein 60 % der 1,9 Mio. gewerblich genutzten Bestandsgebäude wurden vor 1987 gebaut – und damit sogar noch vor dem Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung. Um die CO2- Emissionen wirklich schnell und effektiv zu reduzieren, sollte sich die Branche um die Gebäude mit Baujahren um 1949 bis 1990 kümmern. Aufgrund schlecht gedämmter Gebäudehüllen und dem damit in engem Zusammenhang stehenden hohen Energiebedarf für Kälte und Wärme, verursachen diese Objekte besonders hohe CO2- Emissionen im Betrieb.

Moderne Raumkonzepte in alten Gebäudestrukturen zu realisieren, kann herausfordernd sein. Die Grundrisslayouts und Konstruktionsprinzipien, die für die ursprüngliche Nutzung dieser Objekte umgesetzt wurden, sind vielfältig. So finden sich unter diesen Objekten natürlich nicht nur Bürogebäude, sondern auch Produktions- und Lagerhäuser oder ehemalige Einkaufspassagen mit enormen Grundrisstiefen, die u.a. die Belichtung mit natürlichem Licht, die Belüftung und effiziente Klimatisierung der Flächen erschweren. Allerdings bieten außergewöhnliche Grundrissstrukturen vor allem auch große Chancen für attraktive und authentische Raumgeometrien, deren Umsetzung in einem Neubau heute unvorstellbar sind.

Das bedeutet neben Kreativität und Geschick bei Konzeptionierung, Planung, Genehmigung und Umsetzung auch Betreuung der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer. Denn Erwartungen und Bedürfnisse in Bezug auf z.B. Raumproportionen moderner Bürogrundrisse, müssen ggf. den vorhandenen Rahmenbedingungen einer Bestandsimmobilie weichen. Es bedarf ausgeprägter Vorstellungskraft und vor allem Überzeugungsarbeit auf Seiten der Planerinnen und Planer, um Menschen, deren täglich Brot nicht die Auseinandersetzung mit unserer gebauten Umwelt ist, zu begleiten. Die Attraktivität erfolgreich umgesetzter Projekte und damit realer Referenzen, überzeugen glücklicherweise auch die kritischsten Nutzer. 

Die Mehrzahl der Architekturabsolventen der letzten Jahrzehnte, begeisterten sich für den Entwurf spektakulärer Neubauten. Das Bauen im Bestand war eher ein spannendes Nischenprodukt. Heute erlebt der Bestand eine Renaissance. Nicht nur Universitäten müssen und werden ihren Fokus bei Ausbildung sowie Forschung in den Fachgebieten Architektur, Bauingenieurwesen, Gebäudetechnik oder auch Materialwissenschaften verstärkt auf den Bestand richten – das gilt auch für innovative Unternehmen und Gründer.

Autor: Stephan Winn
Nach Stationen in internationalen Architekturbüros in Shanghai, Melbourne und London und als Projektentwickler und Berater für Bestandstransformationen in der DACH- Region, hat Stephan Winn seit 2014 die Niederlassung von apoprojekt in Berlin aufgebaut. In dieser Funktion hat er die strategische Weiterentwicklung und Produktstrategie des Unternehmens maßgeblich begleitet. Seit 2020 ist Stephan Winn Geschäftsführer und verantwortet das Corporate Development sowie die fachliche Weiterentwicklung der Niederlassungen in den Bereichen Planung, TGA und Projektmanagement.

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